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Die Möglichkeit zum Return setzt für die beteiligten Personen ihre uneingeschränkte Handlungsfähigkeit voraus. Denn für eine erfolgreiche Sanierung bedarf es einer

  • realistischen Analyse der Ist-Situation
  • einer Zielbestimmung, wo die Situation des zukünftigen wirtschaftlichen Erfolges liegt und einer Planung, wie man dort hinkommen kann.

Einmal oder mehrfach gescheiterte Jungunternehmer, die es sodann zu wirtschaftlich erfolgreichen Firmengründern gebracht haben, sind in den Medien beliebte Beispiele für „erfolgreiches Scheitern“. Denn demzufolge sind mit unternehmerischen Elan und wirtschaftlichen Know-how und dem Grundsatz, aus Fehler lernt man, Sanierung und Return möglich.

I.

Ist das wirklich so einfach oder gibt es in dieser Situation der wirtschaftlichen Krise Handicaps?

Bei dieser Frage kommen die in der Überschrift benannten indischen Bauern ins Spiel und damit Studien, die sich mit der Leistungsfähigkeit von Menschen in wirtschaftlich schwierigen Situationen beschäftigen. Diese werden nachfolgend beispielhaft dargestellt.

1.    Studie mit indischen Zuckerrohrbauern

Anandi Mani, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität von Warwick stellte indischen Zuckerrohrbauern im Abstand von einigen Monaten Aufgaben, die im Hinblick auf logisches Denken und die Fähigkeit von Problemlösungen übliche Bestandteile von Intelligenztests sind. Der Wohlstand dieser Zuckerrohrbauern unterliegt starken Schwankungen: Vor der Ernte leben sie in finanziell sehr engen Verhältnissen und nach der Ernte haben sie sich ein finanzielles Polster schaffen  können. In der betreffenden Studie wurden die vorerwähnten Tests sowohl vor als auch nach der Ernte durchgeführt. Nach der Ernte erzielten die Bauern bessere Ergebnisse als vor der Ernte. Hieraus folgern die Wissenschaftlerinnen in ihrer vorerwähnten Studie, dass die Ursache für die schlechteren Testergebnisse vor der Ernte durch die zusätzliche mentale Belastung aufgrund der finanziell schwierigen Situation zu erklären sind.

2.    Denkaufgaben für reiche und arme Amerikaner.

Zur Überprüfung dieser vorerwähnten Annahme führte das Wissenschaftlerteam eine ergänzende Studie in den USA mit wohlhabenden und armen Versuchsteilnehmern durch. Diesen wurden ebenfalls Denkaufgaben gestellt. Sie erhielten diese Aufgaben zum einen in einer Situation, in der sie zugleich mit einer drohenden größeren Ausgabe im Zuge ihrer Finanzentscheidungen konfrontiert waren, und im weiteren in einer Situation kleinerer Ausgaben, die ohne existentielle Auswirkung waren. Auch in diesem Test schnitten die ärmeren Teilnehmer schlechter ab, wenn sie dem Szenario der höheren sie existentiell beeinträchtigenden Kosten ausgesetzt waren. Auch diese Studie bestätigt somit die Annahme, dass aufgrund finanzieller Sorgen sich die Aufmerksamkeit derart auf diese drohenden Nöte fokussiert, dass nicht mehr genügend mentale Kapazitäten verbleiben, um sich den weiteren sich stellenden Aufgaben mit den notwendigen geistigen Ressourcen widmen zu können.

3.    Auswirkungen von Armut auf das Gesundheitsverhalten

Die Psychologin Kathleen Vohs von der Universität in Minnesota hat sich mit den Auswirkungen von Armut auf das Gesundheitsverhalten beschäftigt. Sie hat einen Test durchgeführt, in dem die Testteilnehmer, die eine Zeit lang unter dem Druck gestanden hatten, verlockenden Süßigkeiten zu widerstehen, anschließend in den Testaufgaben schlechter abschnitten. Aus den Testergebnissen  folgert die Psychologin Vohs zum einen, dass es sich selbst zu beherrschen schwieriger sei, wenn man bereits in vielen anderen Lebensbereichen zum Verzicht gezwungen sei. Im Weiteren binde ein starker Drang, in einer einen belastenden Situationen Stand halten zu müssen,  seelische und geistige Kräfte, die bei weiteren sich gleichzeitig stellenden Aufgaben fehlen.

4.    Aspekt der Kognitiven Dissonanz

Die Theorie der so genannten Kognitiven Dissonanz stammt vom amerikanischen Psychologen Leon Festinger. Demnach treten Dissonanzen auf, wenn neue Gedanken aufkommen und neue Informationen, die der bisherigen Meinung widersprechen – und damit zu einem inneren Konflikt führen. Da wir Menschen den Wunsch nach gedanklicher Harmonie haben, verdrängen wir diese unangenehmen und unserer bisherigen Ansicht widersprechenden Neuigkeiten.

Aufgrund dieser kognitiven Dissonanz nehmen wir in einer Situation der wirtschaftlichen Krise die Dinge selektiv wahr. Wir möchten nur wahrnehmen und nehmen auch nur wahr, was unserer Sicht der Dinge in dieser Krisensituation entspricht. Dabei können zwei sich gegenüberstehende Geisteshaltungen auftreten:

  • eine optimistische Sicht des Betroffenen, dass sich die wirtschaftliche Situation durch eigene Aktivität wieder positiv entwickeln werde: Bei dieser Sicht der Dinge in Verbindung mit einer selektiven Wahrnehmung besteht die Gefahr, all das nicht wahrnehmen zu wollen, was dem gewünschten Erfolg entgegensteht. Wenn ich die Folgen meiner eigenen Handlung gar nicht erst zur Kenntnis nehme, so bleibt mir die Kompetenzillusion.
  • eine pessimistische Grundhaltung: Die wirtschaftliche Krise ist verbunden mit Verlustängsten und damit der Unsicherheit, nicht mehr die Kontrolle in den Belangen des eigenen Lebens ausüben zu können. Die Betroffenen fühlen sich fremdbestimmt und als Opfer. Auch diese Opfersicht kann letztendlich im Zuge der kognitiven Dissonanz dazu führen, alle Eindrücke und Informationen nicht wahrnehmen zu wollen, die zeigen, dass man noch selbstbestimmt handeln kann und die Zügel in der Hand hält. Wenn diese Eindrücke verdrängt werden, um die eignen Opfersicht bestätigt zu erhalten, fehlt es den Betroffenen immer mehr an Eigeninitiative. Sie fühlen sich ausnahmslos fremdbestimmt.

II.

Was folgt aus diesen Erkenntnissen?

In der wirtschaftlichen Krise sind die betroffenen Personen mit Handicaps belastet, indem

  • ihre mentalen Kapazitäten durch die finanziellen Sorgen beansprucht sind, so dass nur noch begrenzt Ressourcen für die sich parallel dazu stellenden Themen vorhanden sind;
  • und auch die Notwendigkeit, einem starken Drang standhalten zu müssen und im Vergleich zum bisherigen Lebensverlauf zum Verzichten gezwungen zu sein, die Fähigkeit sich selbst zu beherrschen schwieriger macht. Auch durch diese Umstände werden psychische Kräfte gebunden werden, die für sich ihm weitere stellende Aufgaben fehlen;
  • wobei nur die Informationen wahrgenommen werden, die die bisherige Sicht der Dinge bestätigen und die dem widersprechenden Informationen verdrängt werden.

Die von der wirtschaftlichen Krise betroffenen Personen sind dem Krisengeschehen zeitlich und persönlich zu nahe, um in der betreffenden Situation umfassend überlegte und von einer Selbstreflektion geprägte Entscheidungen treffen zu können.

Die Situation ist vergleichbar mit einem Gegenstand, der sich unmittelbar vor der Linse eines Fotoapparates befindet und der aufgrund dessen nur unscharf wahrgenommen werden kann:

  • Es bedarf eines notwendigen Abstandes zum (Krisen-)Geschehen, um mit der notwendigen Schärfe die Situation zu erkennen und die daraus zu folgernden  Schlüsse zu ziehen.
  • Auch in zeitlicher Hinsicht ist der oder die Betroffene mit der Krisensituation zu nahe verbunden. Historische Bewertungen zeigen uns, dass es letztendlich immer eines zeitlichen Abstandes bedarf, um die Geschehnisse in ihrem gesamten zeitlichen Zusammenhang umfassend bewerten zu können. Wirtschaftliche Krisen sind ein Bestandteil des Lebens der Betroffenen. Sie sind verbunden mit den Fragen, wann die Ursachen hierfür gelegt wurden und welche Rückschlüsse aus diesem Erleben der Krise für die weiteren Entscheidungen im Leben zu treffen sind. Denn Krisen ändern das Leben. Wer seine Geschichte nicht erkennt und begreift, neigt dazu, sie zu widerholen.
  • Es gibt kein Denken ohne Gefühle und dieser Gefühle muss ich mir als Betroffener bewusst sein, um zu verstehen, warum ich gerade wie handele. Das Ziel muss es sein, sich nicht mit den eigenen Gefühlen zu identifizieren. Vielmehr soll man sie beobachten, so wie wir ein Theaterstück oder das Wetter beobachten.

III.

Wie schafft man es nun, sich dieser Aspekte als Betroffener in einer wirtschaftlichen Krise bewusst zu sein und sie zu berücksichtigen? Denn letzteres ist die Voraussetzung für Eigeninitiative und eine aktive Mitgestaltung im Prozess des Returns.

Letztendlich bedarf es bildlich gesprochen einer Situation, in der man auf den eigenen inneren Balkon tritt und sich als Zuschauer von außen die Situation des Krisengeschehens mit  seiner eigenen Beteiligung und sein eigenes Handeln betrachtet.

Ein Résumé der vorgenannten Ausführungen ist aus der Sicht der Personengruppen, die mit einer wirtschaftlichen Krise in Berührung kommen, wie folgt zusammenzufassen:

  • Für die von einer wirtschaftlichen Krise betroffenen Person – und damit zumeist dem Inhaber der jeweiligen Unternehmung – gilt es frühzeitig zu erkennen, inwieweit die wirtschaftliche Krise ihn bzw. sie in der eigenen mentalen Leistungsfähigkeit einschränkt.. Soweit letzteres der Fall ist, sollte eine Unterstützung von Dritten mit Krisenkompetenz und Erfahrung eingeholt werden. Denn nur dadurch kann letztendlich wieder aus einer Situation der „Waffengleichheit“ gehandelt werden.
  • Für das persönliche und berufliche Umfeld und damit die Familienangehörigen und Mitarbeiter folgt aus den vorgenannten Ausführungen, dass sie sich bewusst sein müssen, dass der von der wirtschaftlichen Krise betroffene Unternehmer bzw. das unternehmerisch handelnde Familienmitglied nicht aus der gleichen mentalen Stärke heraus agieren kann, wie sie es aus der Vergangenheit und damit der krisenlosen Zeit kennen. Die Erfahrungen, die in diesem persönlichen Umfeld in der Krise gemacht werden, können im Zuge dessen zu Irritationen führen, da man nicht das Gegenüber mit dem Verhalten vor sich hat, das man aus der Vergangenheit kennt. Offene Kommunikation ist an dieser Stelle wichtig. Aber das ist einfacher gesagt als getan. Denn Aspekte von Scham und Trauer stehen dem oft entgegen.
  • Die Aufgaben, die in einer Krise auf den/die Unternehmensinhaber(in) zukommen sind zahlreich, folgen in kurzfristigen Abständen und haben erhebliche Bedeutung. Dabei haben die Vertreter von Gläubigergruppen, wie z.B. den Banken, langjährige Erfahrungen in Verhandlungen, die durch eine wirtschaftliche Krise ihres Kreditnehmers ausgelöst werden. Zu diesem Erfahrungsvorsprung hinzu kommt nun  noch das Handicap der Beeinträchtigten der mentalen Kapazitäten. Wenn sich die Betroffenen spätestens an dieser Stelle nicht ihrer Situation der eingeschränkten Leistungsfähigkeit bewusst sind, gehen sie mit einem erheblichen Ungleichgewicht in für sie bedeutsame Verhandlungen und hat dies zumeist erhebliche Auswirkungen auf das Verhandlungsergebnis.

Dies vermeiden zu helfen, ist die Intention dieses Aufsatzes. Denn die Problematik zu erkennen ist der erste notwendige Schritt. Sodann ist es erforderlich, sich ihr zu stellen und die eigene Situation im Zuge einer Selbstreflektion (der vorerwähnte innere Balkon) zu analysieren und daraus die notwenigen Rückschlüsse zu ziehen.

Auch wenn Indien weit weg erscheint, so sind wir in Zeiten fehlender finanzieller Mittel genau so wenig entspannt und genauso gehemmt im Denken wie die dortigen Bauern. Dessen sollten wir uns bewusst sein.

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